Leseprobe

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 5/2011 des Magazins „mittendrin“.

DEUTSCHLAND WIRD INCLUSIV – WIR SIND DABEI!“

Von Gerhard Roos

Wörtlich zitiert der Titel dieses Artikels den Wortlaut der aktuellen Kampagne des „Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen“ HUBERT HÜPPE. Einige Anmerkungen dazu kann ich mir nicht verkneifen, beschränke mich aber nur auf das auch von Hüppe gemeinte Themenfeld Behinderten-Inclusion. (Migranten-, Senioren-, Kinder-Inclusion und viele andere mehr kann und will ich hier nicht bedenken, das sprengt den Rahmen.)

Wird Deutschland inclusiv?

Die Chancen für ein – auch nur schrittweises – inclusiv werden unseres Landes stehen bereits im Behinderten-Bereich recht schlecht. Natürlich gibt es hoffnungsvolle Ansätze. Natürlich gibt es bereits fortgeschrittene Aktionen und Maßnahmen. So finden wir in einzelnen Kindergärten und Grundschulen engagiert geführte integrative Gruppen und Klassen, die längst aus dem Versuchsstadium herausgewachsen sind. Wir finden Wohngemeinschaften, die Behinderte mit Nichtbehinderten zusammenbinden, wir sehen Arbeitgeber mit guten Konzepten der Behindertenbeschäftigung im ersten Arbeitsmarkt. Alles das gibt es, aber wie häufig? Alles das hat noch immer Seltenheitswert!

Das klar erkennbare Hindernis Nr.1 ist die fehlende Bereitschaft weiter Kreise der Bevölkerung, sich auf das Abenteuer Inclusion einzulassen. Viele (auch und gerade Erzieher und Lehrer) wollen es gar nicht, weil sie die festen Pfade ihrer Erfahrung verlassen müssten. Werden sie dazu gezwungen, wie das einige Bundesländer mit ihren Schulgesetzen erreichen wollen, arbeiten sie blockiert und nicht effektiv, die Kinder (alle!) sind die Geschädigten. Viele andere behaupten steif und fest, sie könnten nicht mit Behinderten leben oder arbeiten. Sie hatten wohl weder die Notwendigkeit noch die Chance, es zu probieren, zu erleben und zu erlernen.

Das Hindernis Nr.2 bilden die leeren Kassen. Anschubfinanzierungen und notwendige neue Stellen für den Aufbau neuer sowie finanzielle Garantien für den Fortbestand schon laufender Modelle bleiben aus.

Es wird also vorerst nicht viel werden mit diesem inclusiven Deutschland (dessen tüchtiger Behindertenbeauftragter noch nicht einmal als „geborenes Mitglied“ der Bundesregierung oder des Bundestages ein Mitsprache-, geschweige ein Stimmrecht hat, selbst also „Exclusion“ erleiden muss).

Sind wir dabei? Trotz allem?

Wir Pflegefamilien mit behinderten Pflegekindern könnten stolz behaupten. „Jawohl, wir sind dabei! Und das schon seit mehreren Jahrzehnten.“

Bereits in den Siebzigern gab es vereinzelt und übers Land verstreut Pflegefamilien, die ein behindertes Kind oder gar mehrere in Pflege hatten. Meistens hatte sich die Behinderung erst nach der Inpflegenahme herausgestellt, dann war es eben so. Einige wenige, in der BRD wie in der DDR (doch, doch; tatsächlich auch dort!), waren sogar damals schon freiwillig Pflegeeltern behinderter Kinder geworden.

Als sich 1983 rund um die Familie Bartnik der „Verband behinderter Pflegekinder“ gegründet hatte, der bald zum Bundesverband wurde, stellte Peter Bartnik nach kurzer Zeit verwundert fest, dass schon zuvor ganz viele solcher Pflegeverhältnisse entstanden waren. Zehn Jahre später zählten wir über 800 Mitglieder. Und unsere Zeitschrift heißt nicht umsonst MITTENDRIN.

Auch wenn diverse Verantwortliche in Kinderzentren und gemeinnützigen Fachdiensten immer einmal wieder behaupten, sie hätten (vor 20 Jahren oder gar vor 10 Jahren) diese Pflegeverhältnisse erfunden, zahlreiche mutige Pflegefamilien waren und sind schon viel länger in diesem Bereich tätig, das Rad musste nicht mehrfach erfunden werden.

Grund genug, selbstbewusst gegenüber den Inclusionsbetreibern aufzutreten und darauf hin zu weisen, wie solches läuft. Nicht zufällig sind überall dort, wo erzieherische, schulische und berufliche Integration bzw. Inclusion versucht oder zumindest zielstrebig diskutiert wird, Pflegeeltern maßgeblich beteiligt.

Leider beobachten wir aber auch bei unseren Pflegefamilien manche Trends, Gedanken und Verhaltensweisen, die dem ursprünglichen Ansatz, behinderte Kinder in „normalen“ Familien aufwachsen zu lassen und größtmöglicher Normalität zuzuführen, eher zuwiderlaufen:

Da ist die tüchtige Pflegefamilie, die ganz unbeabsichtigt ihr Kind von der Durchschnittswelt fernhält, weil sie einen Schutzraum für das empfindliche Seelchen dieses Kindes schaffen möchte.

Da ist der Pflegevater, der selbst als Grundschullehrer die Schwierigkeiten integrativen Unterrichts kennengelernt hat, vor diesen kapituliert und vereint mit seiner Frau das Pflege-Downkind in einer Förderschule unterrichten lässt, obwohl gerade dieses Kind besonders für einen Unterricht mit nichtförderbedürftigen Kindern geeignet wäre und die eigene Schule diese Unterrichtschance selbst im Angebot hat.

Da ist die Pflegemutter, die sich beharrlich weigert, ihre leicht geistig behinderte Pflegetochter in einem geeigneten anderen Haushalt einfache hauswirtschaftliche Arbeiten verrichten zu lassen, die inzwischen erwachsen gewordene junge Dame in keinem Falle alleine mit Gleichaltrigen zu Freizeitaktivitäten losziehen lässt und schon gar nicht daran denken möchte, dass diese etwa eine Zukunft außerhalb der Pflegefamilie erstreben möchte und erleben könnte.

Bereits diese wenigen Beispiele weisen auf die Inclusionshindernisse hin, die in unseren Pflegefamilien wirksam sind.

Hindernis Nr. 1 ist unser eigenes Misstrauen, keiner könnte das mit dem Kind oder Jugendlichen so perfekt wie wir. Da sind die üblen Erfahrungen mit Menschen, die sich als „fachlich Kompetente“ so unfähig erweisen, dass es schmerzt. Ganz unbemerkt von uns entwickelt sich mit steigender Erfahrungskompetenz – gewonnen in zahllosen unruhigen Nächten, in Auseinandersetzungen mit Behörden, Ärzten, Pädagogen, Hilfsmittelherstellern, Krankenkostenträgern, und, und, und – eine gewisse Überheblichkeit, die niemandem außer uns selbst zutraut, so vieles „richtig“ zu machen wie wir.

Hindernis Nr. 2 ist die bereits oben angesprochene fehlende Bereitschaft weiter Bevölkerungskreise, den andersartigen Menschen zu akzeptieren und ihm liebevoll zu begegnen.

Diese Hindernisse jedoch sind zu unserer Entschuldigung nur eingeschränkt geeignet. Wer den Mut hat, behinderten Kindern eine Familie als Lebens- und Lernraum zu bieten, muss (und kann!!) auch den anderen Schritt tun, diesen jungen Menschen ihren Platz in der Gesellschaft zu erobern oder erobern zu helfen.

Wenn Deutschland wirklich Schritt für Schritt inclusiver werden kann – wir waren und sind dabei, Herr Hüppe! Trotz aller Hindernisse in uns und außerhalb.