A. Der Weg zum Pflegekind

1. Was erwartet uns?

Das Pflegeelterndasein führt uns in die Mitte einer kleinen radikalen Minderheit von Familien, die um ihrer Pflegekinder willen zumeist ohne Urlaubs- und Rentenanspruch für einen Hungerlohn ein außergewöhnliches Leben führen (mittendrin 6/2007, S. 32). Für Pflegeeltern behinderter Kinder gilt das besonders.

Schwierige Arztbesuche, Terminorganisationen für Therapien und besonders nervenzehrende Auseinandersetzungen mit Krankenkostenträgern und Behörden bestimmen den Alltag, ganz zu schweigen von den besonderen Problemen um und mit entsprechenden Förderschulen.

2. Welche Voraussetzungen benötigen wir?

Ob Wohnung oder Haus „behindertengerecht“ ist, wird oft ohne genaue Vorstellungen über den konkreten Bedarf an ebenen Böden, breiten Türen und ähnlichen Einzelheiten überprüft. Es ist jedoch kaum möglich, vorab zu wissen, was genau für das aufgenommene Kind nötig sein wird. Deshalb ist späterer Nachrüstungsbedarf nicht auszuschließen.

Vorkenntnisse sind zur Aufnahme eines behinderten Pflegekindes selten nötig. Wichtiger ist die Lernbereitschaft der Pflegeeltern. Das Wichtigste ist jedoch eine ehrliche Überprüfung der eigenen Belastbarkeit. Körperlich wie seelisch müssen Pflegeeltern topfit sein, flexibel und doch knallhart im Umgang mit Behörden, Ärzten usw., wenn sie ein behindertes Kind aufnehmen wollen. Ein gutes Jugendamt bietet zu dieser Selbsteinschätzung Hilfe und objektive Beratung an.

Grundsätzlich gilt: Wer ein behindertes Pflegekind aus Mitleid oder gar zum Ausgleich für eigene Defizite aufnehmen will, soll es lassen. Und wo der Partner nicht mitzieht, hat es erst recht keinen Sinn.

3. Welches Kind könnte zu uns passen?

Wer sich für ein behindertes Pflegekind entscheidet, sollte sich zumindest in gröberen Zügen einen Überblick über den Fächer der möglichen Behinderungen verschaffen. Dieser hilft zur Auswahl etwa der „Schwere“ oder des „Charakters“ der Behinderungen, die ein Kind in der Familie, so wie sie ist, haben kann. Ist eher an eine Körperbehinderung gedacht oder eher an eine geistige? Muss das Kind jedenfalls gehen können? Sind Fragen dieses Problemkomplexes vorweg geklärt, wird im Falle einer konkreten Anfrage der verbleibende Anteil an Einzelfragen einigermaßen im Rahmen bleiben.

4. Das eigene Jugendamt

Wer bereits Pflegekinder hat oder hatte, kennt die grundsätzlichen Regelungen und hat ein Verhältnis zum Jugendamt. Wer sich erstmals mit der Aufnahme eines Kindes beschäftigt, muss zuerst im für den Wohnort zuständigen Jugendamt vorsprechen und seine Bereitschaft zur Inpflegenahme eines behinderten Kindes kundtun (§§ 43 und 87a SGB VIII). Die Jugendämter verfahren sehr unterschiedlich mit entsprechenden Bewerbern. Wenn dort eine Zustimmung ersichtlich wird, sollte die Familie den Coupon aus der „mittendrin“ (in jeder Ausgabe zu finden) der Behörde vorlegen und so das schriftliche Einverständnis einholen. Ohne das eigene Jugendamt läuft grundsätzlich nichts, so will es das Gesetz.

Anschließend müsste dann die Geschäftsstelle des Bundesverbandes diese Bescheinigung mit Informationen über die bereite Familie erhalten.

5. Vermittlungsvorgänge ohne und mit Bundesverband

Jede Vermittlung ist entweder Sache der Behörden oder einer autorisierten Vermittlungseinrichtung einer gemeinnützigen Organisation. Der Bundesverband darf nicht vermitteln. Er hilft suchenden Vermittlern, indem er passende Familien vorschlägt. Wie diese mit den Vorschlägen umgehen, ist allein deren Sache. Einen Einfluss hat der Verband nicht. So kann die Geduld einer bereitstehenden Pflegefamilie schon sehr strapaziert werden.

Das Jugendamt am Wohnort der Pflegefamilie hat stets das letzte Wort. In den ersten zwei Jahren betreut der Pflegekinderdienst des Jugendamtes am Herkunftsort des Kindes das Pflegeverhältnis, nach dieser Frist muss nach § 86 Abs. 6 SGB VIII das Jugendamt am Ort der Pflegefamilie die Verantwortung übernehmen. Daher sind viele nicht besonders begeistert, wenn ein Kind von außerhalb kommt. Dieses verursacht nämlich dem übernehmenden Jugendamt durch zahlreiche Tätigkeiten für das abgebende allerlei Kosten.

Ausnahmen von dieser grundsätzlichen Regelung können sich ergeben, wenn ein gemeinnütziger Träger nicht nur die Vermittlung, sondern auch die sozialpädagogische Betreuung und die Abwicklung der Finanzen übernommen hat. Dann bleibt alles auch nach zwei Jahren wie von Anfang an.

6. Rat und Hilfe im Einzelfall

Nach § 14 SGB I hat jeder Anspruch auf Beratung über seine sozialen Rechte und Pflichten. Zuständig für diese Beratung sind die jeweils zuständigen Leistungsträger, denen gegenüber die Rechte geltend zu machen oder die Pflichten zu erfüllen sind, im Vermittlungsverfahren also die Jugendämter.

Erscheint der Familie manches am Vermittlungsverfahren unverständlich, kann der Verband unter Umständen klärend beraten. Mit komplizierten Einzelfragen sind die Berater zumeist vertraut.

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