C. Praktische Tipps für Antragstellungen

1. bei Krankenkostenträgern

Es wird zunehmend schwierig, Therapien (medizinische Rehabilitation, § 40 SGB V) und Hilfsmittelausstattungen (§ 33 SGB V) entsprechend dem tatsächlichen Bedarf genehmigt zu bekommen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in zahlreichen Krankenkassen die Sachbearbeiter angewiesen sind, Anträge erst einmal abzulehnen, weil man von zahlreichen Antragstellern erfahrungsgemäß keinen Widerspruch erwartet.

Das bedeutet, man muss sich wehren. Oft genügt ein einfacher Widerspruch ohne besondere Begründung für die Genehmigung.

Begründungen der Notwendigkeit sollten aber jedem Erstantrag beigefügt werden. Mindestens ein Vermerk des Arztes auf der Verordnung: „wegen Wachstums“, „Zustandsverschlechterung“, „erste Haltungsschäden“ u.ä. verbessert die Chance auf eine sofortige Kostenübernahme ganz erheblich.

Ist das Pflegekind in einer privaten Krankenkasse familienversichert, decken die zugesagten Leistungen, weil der „Tarif“ die Beträge nach oben begrenzt, nicht immer die tatsächlichen Kosten. Oben unter B 5 im Abs. 2 findet sich die Lösung.

2. bei Sozialämtern

WICHTIG: Antragstellung immer vor der Maßnahme oder Anschaffung! Finanzierungskonzepte vorlegen und wo nötig nachweisen, dass alle anderen möglichen Kostenträger Anträge abgelehnt haben.

Erstanträge an die Adresse von Sozialämtern werden auf Formblättern gestellt, die das betreffende Amt bereithält. Alle Fragen zur wirtschaftlichen Situation der Familie bitte keinesfalls beantworten, weil die Pflegefamilie selbst keine gesetzliche Unterhaltspflicht hat und über die Situation der Herkunftsfamilie nichts weiß. Ein Hinweis auf die Unterhaltsleistungen durch das Jugendamt (mit dessen Adresse) ersetzt diese Angaben.

Anträge haben eine gute Chance auf Erfolg, wenn sich der Antragsteller im Vorfeld beraten lässt und den Antrag genau unter den infrage kommenden Paragrafen stellt. Die Ämter selbst sind zur Beratung verpflichtet!

Grundsätzlich gilt, dass Anträge von Behörden umso lieber bearbeitet werden, je kürzer und prägnanter sie gefasst sind. Besinnungsaufsätze der Antragsteller werden erst einmal zur Seite gelegt.

3. bei Jugendämtern

Die „Hilfe zur Erziehung“ wird unter klaren Vorgaben des Gesetzgebers gezahlt. Alles, was „Lebensunterhalt“ im engeren Sinne ist, wird von dort geleistet. In zahlreichen Jugendamtsbereichen gibt es neben dem pauschalen Monatsbetrag Einzelleistungen, die bei entsprechender Entstehung bestimmter Sonderkosten beantragt werden können. Es empfiehlt sich, vom Jugendamt eine Liste der infrage kommenden Einzelleistungen zu erbitten. Es ist immer ein Einzelantrag nötig.

Bei einigen Kindern lehrt die Pflegefamilienerfahrung erst nach Monaten, dass der erzieherische oder der Material-Aufwand (Zerstörungswut!) unverhältnismäßig hoch ist. Dann eine Erhöhung der pauschalen Unterhaltsleistung zu beantragen, ist zwar nicht ganz einfach, bei ordentlicher Begründung jedoch oft erfolgreich.

4. und für Widerspruchsverfahren

Ist man mit dem Bescheid einer Behörde oder einer Krankenkasse nicht einverstanden, kann und sollte man sofort Widerspruch einlegen (§§ 78 und 83 SGG). Dazu genügt es vorerst, mit einem einzigen Satz innerhalb der Widerspruchsfrist (1 Monat nach Bekanntgabe – § 84 SGG) den Widerspruch einzulegen. Eine Begründung dafür kann dann später – also auch noch nach Ablauf der Frist – nachgereicht werden. Das ermöglicht die Inanspruchnahme von Beratung. Achtung: Widerspruchsverfahren können recht lange dauern!

Behördliche Änderungshandlungen ohne schriftlichen Bescheid, z.B. die Einstellung von Zahlungen, können wie ein schriftlicher Bescheid mit einem Widerspruch belegt werden. Und das sogar ohne Fristenwahrung.

Seit einiger Zeit ergehen häufiger Bescheide, die keinen Widerspruch zulassen. Dagegen muss leider direkt geklagt werden. Die Frist beträgt auch hier einen Monat nach Bekanntgabe (§ 87 SGG).

5. Vertrauen schaffen und investieren

Ohne Hausarzt, Fachärzte und Therapeuten ist ein Leben mit behindertem Kind nicht denkbar. Einen gewissen Anspruch an die persönliche und fachliche Qualität von Ärzten und Therapeuten sollten Pflegeeltern durchaus mitbringen. Ohne die eigene Bereitschaft, die Zwänge des Gesundheitswesens zu erkennen und mit etwas Geduld auf diese Personen zuzugehen, kann man schnell den Blick für die vorhandenen Möglichkeiten verlieren.

Also gilt es durch eigene Zuverlässigkeit und Mitwirkung Vertrauen zu schaffen wie auch eigenes Vertrauen in die Kompetenz dieser notwendigen Helfer zu investieren. Auf einer Basis beiderseitigen Vertrauens funktionieren Untersuchungen, Verordnungen und Therapien hervorragend, auch wenn im Einzelnen bisweilen nicht alles so perfekt ist, wie man das gerne hätte.

6. Ohne Übertreibung das Bestmögliche versuchen

Es ist angebracht, im Laufe eines Pflegeverhältnisses öfter darüber nachzudenken, was man als Pflegeeltern eigentlich für das Kind erreichen will. Es ist gar nicht so einfach, Ziele zu beschreiben, die weder zu niedrig noch zu hoch angesetzt sind. Die Vielfalt der Lebensbereiche macht deshalb systematisches Vorausdenken notwendig. Eine Hilfe sollte dabei das (hoffentlich regelmäßige) Hilfeplangespräch mit dem Pflegekinderdienst des Jugendhilfeträgers und möglichst den wichtigsten Beteiligten sein. Eine eigene regelmäßige Familienbestandsaufnahme ohne fremde Personen ist trotzdem notwendig.

Wer bereit ist, ohne übertriebene Erwartungen doch das Bestmögliche zu versuchen, wird die mittelfristigen Ziele beschreiben und festlegen können. Das ist im therapeutischen Bereich auch ein Mittel, bescheiden und realistisch zu bleiben. (Beispiel: Für eine Delfin-Therapie ist oft ein Familienhund die bessere, weil täglich wirkende Alternative.)

Die beste Entscheidungshilfe für die Auswahl der geeigneten Ärzte und Therapeuten bieten noch immer die jeweils auf die besondere Behinderung spezialisierten Fach- und Selbsthilfeverbände. Oft genügt eine Internetrecherche als Weg zum passenden Verband. Eine Mitgliedschaft lohnt sich immer.

Erfahrungsberichte, Fachseminare, Artikel in den entsprechenden Veröffentlichungen (Rundbriefe, Verbandszeitschriften o.ä.) und Kontakte zu Familien mit fast gleichen Problemen bieten eine ausgezeichnete Hilfe für alle Fragen des Alltags, besonders für medizinische und therapeutische Fragen.

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