Austausch und Fortbildung für Pflegefamilien mit Kindern mit Behinderung – Joachim Glaum erhält Verdienstmedaille
– Haltern am See. Zum traditionellen Familientreffen des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V. sind über Pfingsten zahlreiche Pflegefamilien mit behinderten Kindern aus ganz Deutschland in Haltern am See zusammengekommen. Mit 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, darunter 52 Kindern, war das Könzgenhaus erneut voller Leben. Die Mitgliederversammlung beschloss an Pfingstmontag, Joachim Glaum vom niedersächsischen Landesjugendamt mit der Verdienstmedaille des BbP auszuzeichnen. Anne Kulemann und Ludwig Schulenkorf wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt.
Fortbildung mit Inhalt und Spaß
Der Fortbildungsteil des Familienwochenendes war in diesem Jahr erneut zweigeteilt: Zum einen lenkte Marc Bennerscheidt, Coach und Autor aus Köln, den Blick der Pflegeeltern auf das Thema Emotionen und welche Bedürfnisse in ihnen zum Ausdruck kommen; zum anderen übte die Trainerin Ilka Goldstein mit den Teilnehmenden Techniken der Dialog-orientierten körperlichen Intervention (DOKI) ein, um in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben und Möglichkeiten der Deeskalation zu eröffnen.
Projekt „Noteingang“ erzielt große Resonanz
Im Rückblick auf das zurückliegende Vereinsjahr stand erneut das Projekt „Noteingang“ im Mittelpunkt. Insbesondere die daraus hervorgehenden Veröffentlichungen erzielten momentan große Resonanz, berichtete Kerstin Held in der Mitgliederversammlung an Pfingstmontag. Das „Journal #1“ etwa mit dem Titel „Strukturelle Kindeswohlgefährdungen erkennen“ – das erste Heft aus einer Reihe von geplanten drei Schriften – erschien pünktlich zum Deutschen Jugendhilfetag und war am BbP-Stand ein Renner.
„Der Umfang des inklusiven Kinderschutzes ist bundesweit nicht auf dem Radar“, betonte die BbP-Vorsitzende. Die Veröffentlichungen dienten der Wissensvermittlung und Sensibilisierung. „Wir leisten hier Missionarsarbeit, um Sachbearbeitern Ängste zu nehmen und sie zu befähigen, ein Gefühl für die Sache zu bekommen.“
Bilanz für Mitgliederversammlung
Die Zahl der Mitgliedschaften im BbP ist nach einem Rückgang im Vorjahr, der durch die Kündigung der Diakonie Düsseldorf für ihre Mitgliedsfamilien zustande gekommen war, wieder von 678 auf 707 angestiegen. Weitere 135 Abonnenten beziehen die Verbandszeitschrift „mittendrin“ separat.
Die Vermittlungshilfe des BbP wurde im zurückliegenden Jahr 167 Mal von Ämtern aus ganz Deutschland angefragt. 18 Kinder haben dabei mit Hilfe des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V. eine Familie gefunden, davon 16 in Dauerpflege und 2 in Bereitschaftspflege. Derzeit befinden sich 46 Familien im Bewerberpool.
Neue Entwicklungen in der Vermittlungshilfe
„Fast 80 Prozent der Anfragen in der Vermittlungshilfe drehten sich um Kinder mit Verhaltensoriginalität“, bilanzierte Kerstin Held. „Das spiegelt die Not der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe.“ Umso wichtiger sei es, bei den Jugendämtern ein Umdenken anzuregen: „Pflegefamilien müssen der erste Ort für eine Unterbringung sein, nicht die Resterampe.“ Mit Umstrukturierungen in der Vermittlungshilfe habe der BbP bereits auf diese Entwicklung reagiert.
Eine weitere neue Entwicklung: Bei rund 15 Prozent der Fälle in der Vermittlungshilfe handelte es sich um proaktive Inobhutgabe-Anfragen von Eltern. „Das ist ein neues Klientel mit einem anderen Beratungsanspruch, für den wir inzwischen Geburtseltern haben, die diese Beratung übernehmen“, so Kerstin Held weiter.
Aktiver Kinder- und Jugendrat
Die Vorsitzende berichtete außerdem von den Aktivitäten des BbP-Kinder- und Jugendrates, der sich im Frühjahr in Köln getroffen hat und im September in Berlin unter anderem den Bundestag besuchen will. „Dieser Selbstvertretungsrat ist anstrengend-schön, aber ich möchte ihn keinen Tag mehr missen“, erklärte Kerstin Held. Über die Postcode-Lotterie stehen 30.000 Euro für das Projekt zur Verfügung.
Eigener Beteiligungsprozess als politisches Statement
Der BbP hat außerdem vor zwei Wochen einen eigenen „Beteiligungsprozess zur inklusiven Pflegekinderhilfe“ gestartet, berichtete Kerstin Held weiter. An diesem Prozess, dessen Benennung bewusst an den ersten Schritt eines Gesetzgebungsverfahrens angelehnt ist, sind zwei Instanzen beteiligt, die jeweils vier Mal online tagen: eine Expertengruppe aus rund 50 überwiegend externen Personen unterschiedlichster Profession sowie eine etwas kleinere Fokusgruppe, die aus den Ergebnissen unter anderem Empfehlungen zu Leistungs- und Qualitätsstandards in der inklusiven Pflegekinderhilfe erarbeitet. „Diese möchten wir am 16. Dezember im Berliner Familienministerium überreichen“, formulierte Kerstin Held als Ziel.
Die Mitgliederversammlung nahm zugleich die Jahresabrechnung mit einem Volumen von fast 332.000 Euro entgegen, entlastete einstimmig den Vorstand und verabschiedete den neuen Haushaltsplan in Höhe von rund 308.000 Euro.
Verdienstmedaille
Mit der Verdienstmedaille des BbP, die seit 2018 verliehen wird, werden Personen ausgezeichnet, die sich um Pflegekinder mit Behinderung und deren Familien besonders verdient gemacht haben. Einstimmig sprach sich die Mitgliederversammlung dafür aus, auf Vorschlag des Vorstands dieses Jahr Joachim Glaum mit der Verdienstmedaille des Verbandes auszuzeichnen.
Joachim Glaum arbeitet als Teamleiter im Landesjugendamt Niedersachsen. Der Sozialarbeiter, der auch selbst Pflegevater ist, ist maßgeblich an den „Niedersächsischen Empfehlungen zur Pflegekinderhilfe“ beteiligt, die bundesweit als modellhaft gelten. Zur aktuell 4. Auflage der Publikation mit dem offiziellen Titel „Anregungen und Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Vollzeitpflege“ hat der BbP wesentliche Informationen für das Kapitel zu Pflegekindern mit Behinderung beigesteuert.
Ehrungen
Noah Simmank wurde für 15 Jahre Mitgliedschaft im BbP geehrt, Familie Kathrin und Uwe-Olaf Schulze für 10 Jahre. Anne Kulemann und Ludwig Schulenkorf wurden von der Mitgliederversammlung ohne Gegenstimmen zu Ehrenmitgliedern ernannt. Beide zählen zum Urgestein des BbP, wenngleich sie nicht Gründungsmitglieder waren. 1977 wurde das erste gemeinsame Kind geboren, 1980 nahm das Paar das erste Pflegekind auf, weitere „ausgesuchte Kinder“ folgten im Lauf der Jahre. Nach Stationen im Lipperland und im Münsterland sind die beiden seit 30 Jahren im Ruhrgebiet zuhause. „Es war uns ganz wichtig, dass Kinder mit Behinderung eine Chance in einer Familie finden“, sagt Ludwig Schulenkorf, im ersten Beruf Goldschmiedemeister. Zum BbP-Familientreffen wurden die beiden, die jeweils auch eine pädagogische Ausbildung haben, von ihren erwachsenen Pflegekindern Daniela und Felix begleitet. „Ihr seid eine Institution und wir haben von euch gelernt“, lobte Kerstin Held die beiden neuen Ehrenmitglieder. „Danke, dass ihr euer Wissen weitergegeben habt.“
Über den Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V.
Der Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V. (BbP) ist eine Selbsthilfevereinigung von Pflegeeltern, die sich für Pflegekinder mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen engagieren. Er wurde 1983 gegründet und zählt bundesweit fast 700 Familien mit über 1.000 Pflegekindern. Zentrales Anliegen ist die Vermittlungshilfe von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in Pflegefamilien. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention hat jedes Kind das Recht, in einer Familie aufzuwachsen. Der BbP ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt und vertritt die Interessen behinderter Pflegekinder und ihrer Pflegeeltern auch im politischen, sozialrechtlichen und gesellschaftlichen Bereich.
Kontakt:
Gerhard Schindler, Öffentlichkeitsarbeit
0177 3637038
schindler@bbpflegekinder.de