Selbstvertretung

Der Kinder- und Jugendrat ist ein Gremium des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e. V. (BbP), in dem sich Pflege- und Adoptivkinder mit Behinderung selbst vertreten. Gegründet wurde er am Pfingstsonntag 2023 beim Familientreffen des BbP in Haltern am See. Seither treffen sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von etwa 5 bis 26 Jahren regelmäßig, um eigene Themen zu setzen und ihre Anliegen mit einer gemeinsamen Stimme in den Verband und in den politischen Willensbildungsprozess zu tragen.

Damit ist der Kinder- und Jugendrat bundesweit einmalig: Während Selbstvertretung in der Behindertenhilfe lange gelebte Praxis ist, steckt sie in der Kinder- und Jugendhilfe noch in den Anfängen. Erst 2021 wurde sie mit § 4a SGB VIII überhaupt gesetzlich verankert. Der Kinder- und Jugendrat verbindet verschiedene Interessenskreise (Behindertenhilfe mit Kinder- und Jugendhilfe). Pflege- und Adoptivkinder mit Behinderung sind nun dort sichtbar und sprechen dort, wo sonst nur über sie gesprochen wurde: mit eigener Stimme und losgelöst von Verwaltungsstrukturen und Aktenzeichen. Sie sind real und werden durch Assistenz empowert.

Genau in dieser individuellen Begleitung liegt die eigentliche Herausforderung, die ein besonderes Fingerspitzengefühl für das Spannungsfeld zwischen Empowerment und Schutzauftrag braucht. Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien stehen unter besonderer Aufsicht. Junge Menschen mit Behinderung stehen ebenfalls in deutlichen Abhängigkeiten. Ihre Interessen werden traditionell von Erwachsenen vertreten.

Der Kinder- und Jugendrat kehrt dieses Prinzip um, ohne die Schutzbedürftigkeit der jungen Menschen zu ignorieren. Erwachsene Begleitpersonen des BbP nehmen an den Treffen teil, geben aber bewusst keinen starren Rahmen vor: Die jungen Menschen entscheiden selbst, welche Themen sie bewegen, in welchem Tempo und in welcher Form. Wer Unterstützung bei der Kommunikation braucht, erhält sie durch Assistenz, durch Informationen in einfacher Sprache oder durch vertraute Bezugspersonen – etwa Geschwister oder persönliche Assistenzen – , die als „Übersetzer“ fungieren, ohne den jungen Menschen die eigene Stimme zu nehmen. So entsteht Beteiligung, die weder überfordert noch bevormundet, sondern Schritt für Schritt trägt.

Wie ernst der Kinder- und Jugendrat diesen Anspruch nimmt, zeigt seine Arbeitsweise: In Kleingruppen tauschen sich die Mitglieder über Fragen wie „Wie geht es mir in meinem Leben?“ aus, entwickeln eigene Forderungen – etwa nach mehr Privatsphäre oder danach, erst kennengelernt zu werden, bevor andere sich ein Urteil bilden – und tragen diese in Gespräche mit Politik und Ministerium. Sie haben gemeinsam einen eigenen Song geschrieben, führen Interviews, treffen sich in Münster, Köln, Haltern am See und Berlin und übergeben ihre Anliegen in Form einer Handreichung an das Bundesfamilienministerium. Dabei spielt es keine Rolle, welche Art von Behinderung vorliegt oder wer in der Familie betroffen ist. Entscheidend ist allein, dass jede und jeder mit eigener Stimme gehört wird.

Der Kinder- und Jugendrat zeigt damit beispielhaft, wie Selbstvertretung auch für eine besonders schutzbedürftige und bislang kaum gehörte Gruppe gelingen kann: durch Vertrauen statt Kontrolle, durch Begleitung statt Bevormundung und durch die feste Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Pflege- und Adoptivfamilien am besten selbst wissen, was sie brauchen: „Nichts über uns ohne uns!“

 

Was wir schon gemacht haben

Seit der Gründung 2023 ist viel geschehen. Der Kinder- und Jugendrat hat sich schon mehrere Male getroffen. Wir haben zum Beispiel in Köln eine Straßenumfrage gemacht. Und beim Familientreffen in Haltern am See ein Video mit Tenski aufgenommen. Und in Berlin den Bundestag besucht.

Dabei haben wir jedes Mal nicht nur Spaß miteinander gehabt, sondern auch über wichtige Sachen nachgedacht und geredet, die uns interessieren. Es sind auch immer wieder neue Kinder und Jugendliche dazugekommen, und manche konnten nicht immer mitmachen. Inzwischen machen bei uns nicht nur Pflege- und Adoptivkinder mit Behinderung mit, sondern auch Geschwister. Wir sind eben auch inklusiv.

In diesem Video kann man einiges von dem sehen, was wir gemacht haben:

 

Wir haben einen Preis bekommen!

Eine große Freude für uns alle: Im Mai 2026 hat der Kinder- und Jugendrat des BbP den Förderpreis der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes erhalten. Weil es so ein Selbstvertretungsgremium wie uns bisher nicht noch einmal gibt und wir etwas ganz Besonderes machen, indem wir Pflegekinder mit Behinderung und unsere Wünsche und Anliegen öffentlich sichtbar machen.

Leider konnten nicht alle von uns bei der Preisverleihung beim 27. Tag des Kindeswohls in Erfurt dabei sein. Deshalb hat unser Bundesverband für jede und jeden aus unserem Selbstvertretungsrat noch eine eigene Urkunde gebastelt – mit unseren eigenen Namen drauf, damit jede und jeder von uns den Preiss auch selbst fühlen und vielleicht aufhängen kann.

Urkunde zum Förderpreis
Eigene Urkunde für die Mitglieder des Kinder- und Jugendrats. [Foto: Gerhard Schindler]
Hier steht noch mehr über die Preisverleihung.

Und was uns besonders freut: Verbunden mit dem Förderpreis ist auch eine Nominierung für den Deutschen Engagementpreis. Wenn wir Glück haben, können wir also nochmal eine Auszeichnung gewinnen.

 

Wir haben einen Namen – MiJuS!

Der Kinder- und Jugendrat des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V.  heißt jetzt MiJuS. Das ist die Abkürzung für „Mittendrin – Junge Selbstvertretung.“

Der Name steht für das, was uns ausmacht: Wir sind mittendrin und nicht am Rand, nicht außen vor, sondern mitten im Leben, in der Familie, in der Gesellschaft. Wie sprechen selbst für uns!

Unser Logo steht für uns: Vier Figuren Hand in Hand, unterschiedlich in Farbe, Haltung und Aussehen. Bewusst bleiben die Figuren ohne erkennbares Alter oder Geschlecht, denn bei MiJuS zählt nicht, wie alt du bist oder wer du bist, sondern dass du mit eigener Stimme dabei bist. Über der Gruppe schwebt eine Sprechblase mit dem Wort „WIR”, weil wir gemeinsam sprechen und gemeinsam gehört werden wollen.

MiJuS – nicht über uns ohne uns!

 

Die Aktivitäten des BbP-Kinder- und Jugendrats werden gefördert von der Deutschen Postcode Lotterie.

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